Gedanken

Ordentlich, aber tot

Während ich durch unseren Garten laufe und hier einen Stapel altes Holz, dort einen blühenden, summenden Busch und dort eine Menge Bienen entdecke, die aus unserem Teich trinken, freue ich mich an all dem Leben, das mietfrei bei uns wohnt. Wir möchten zur Artenvielfalt beitragen, zählen gern mit dem Nabu Insekten und Vögel und haben einfach Spaß an der Natur. Wir begeistern uns für hübsche Libellen und Schmetterlinge, aber genauso für eigenartige Käfer und komische Larven. Erst neulich brachte mein Sohn begeistert einen kleinen, bunt schillernden Käfer ins Haus, um in Omas Bestimmungsbuch nachzuschauen, was das denn wohl sein könnte (danach hat er ihn wieder nach draußen getragen!).

Unsere Nachbarn sehen unseren Garten wohl manchmal weniger idyllisch. Die Senioren nebenan, die eine riesige Wiese eigentlich nur besitzen, um Menschen zu bezahlen, die diese dann „ordentlich“ abmähen, die haben deutlich weniger Spaß an den Ecken unseres Gartens, in denen alles wachsen und wuchern darf, wie es will und die können sicherlich nicht verstehen, dass wir nur Wege mähen, dazwischen alles wachsen lassen und uns an dem Getümmel freuen.
Und kennt nicht jeder solche Geschichten, wenn auch in unterschiedlichen Formen? Die Familie, die auf zwei Quadratmetern in ihrem Garten Brennnesseln wachsen ließ, um sich mit ihren kleinen Kindern über Schmetterlinge zu freuen und prompt Klagen von den übernächsten (!) Nachbarn erntete, die Samen würden doch alle zu ihnen rüberfliegen? Das ältere Ehepaar, das genötigt werden soll, einen Baum zu fällen, denn der macht doch nur Dreck und wirft seine Blätter auch auf das ordentliche Nachbargrundstück? Die Familie, die neu in ein Wohngebiet zog und schon nach wenigen Wochen anonyme Drohungen im Briefkasten fand, sie sollen nun endlich ihren Vorgarten in Ordnung bringen, sonst werde das Ganze dem Bürgermeister gemeldet?

Es muss alles seine Ordnung haben! Kurzgeschoren, gradlinig. Kein Unkraut im englischen Rasen, keine Blüte, keine Hummel. Nicht umsonst haben Steingärten Hochkonjunktur, diese Ausgeburten der Hässlichkeit (entschuldigung), in denen nichts leben kann und die dazu beitragen, dass sich alles noch mehr aufheizt in diesen heißen Sommern. Lange habe ich mich gefragt, wer da zwischen diesen ganzen Steinen immer Unkraut jätet, bis mir klar wurde, wie naiv ich war – wozu gibt es Unkrautvernichtungsmittel?

Der Ordnungswahn führt so weit, dass die Menschen in der größten Hitzewelle und Trockenheit mit dem Gasbrenner auf der Straße stehen, um Moos und kleine Halme in der Bürgersteigritze wegzubrennen – voriges Jahr fuhren wir an einem solchen Exemplar vorbei, der dummerweise den 5 Meter hohen Baum neben seinem Haus gleich mit in Brand gesetzt hatte… Tja.

Und warum? Warum muss es eigentlich ordentlich aussehen? Und wer definiert das, ordentlich? Warum maßen sich Menschen, die unsere Umwelt vergiften, abfackeln und sonst wie mit Füßen treten eigentlich an, denjenigen, die es anders machen, Lektionen erteilen zu wollen? Mich regt das auf. Wir sind nicht allein auf dieser Welt und wir können Naturschutz nicht nur dort betreiben, wo es uns in den Kram passt. Wir können nicht jammern, dass „die da in China“ so mit den Tieren umgehen oder „die in Südamerika“ den Amazonas abholzen, wenn wir nicht einmal bereit sind, fünf Halme in der Ritze des Bürgersteiges vor unserem Haus zu tolerieren.

Deshalb mein Appell: Wenn jeder Mensch, der bzw. die glücklich genug ist, ein Grundstück zu besitzen , auch nur ein bisschen lockerer werden würde und ein bisschen weniger auf Ordnung und dafür ein bisschen mehr auf Artenvielfalt und unsere Mitkreaturen achten würde, hätten wir schon viel gewonnen. Warum nicht wenigstens einen Streifen Rasen ungemäht lassen und schauen, was darauf so wächst? Warum nicht den Baumstumpf in der Ecke des Grundstücks stehen lassen – ein natürliches Insektenhotel! Warum nicht einfach mal eine Packung Wiesenblumensamen einstreuen und sich an der bunten Pracht freuen, anstatt gleich wieder den Rasenmäherroboter auf sie loszulassen? Und dann bitte einfach mal mit den Kindern oder Enkelkindern ins Gras legen und schauen, was da los ist. Es ist faszinierend, ein Abenteuer auf dem eigenen Grundstück!

5 Kommentare

  • Ingrid Grandjean

    Bravo! Sehr schön geschrieben und spricht mir aus dem Herzen.
    Ich lasse zum Großteil die Natur unseren Garten gestalten und habe das Glück tolerante Nachbarn zu haben, oder welche die ihre Meinung für sich behalten.
    Schöne Grüße nach Salzburg
    von Glückspudelbesitzerin Ingrid Grandjean

  • Birgit Schneider

    Liebe Melanie!
    Bei jedem Satz, den Du geschrieben hast, hätte ich am liebsten gerufen: JA, JA, JA, genau so ist es !!!
    In unserem Garten tobt auch das wahre Leben und wir freuen uns über jedes !!! Tier, das bei uns „einzieht“. Wir kaufen nur noch insektenfreundliche Pflanzen, „Unkraut“ bleibt stehen und wir erfreuen uns an den wunderschönen Blüten. Im Herbst wird nicht „aufgeräumt“, damit „unsere“ Tiere genügend Möglichkeiten zum Überwintern haben.

    Es ist um vieles einfacher mit dem Finger auf andere zu zeigen, als sich selbst an die Nase zu fassen. Meine Kinder habe ich schon angesteckt und Skeptiker überzeuge ich durch Anschauungsunterricht.
    Nach unserem Umzug sind wir in der „Gartenstraße“gelandet ;-). Da ist der Name wohl Programm!… :-))

    Herzliche Grüße aus Bad Sassendorf von Noch-Nicht-Glückspudelbesitzerin Birgit Schneider

  • Karin Pohl

    Gestern unterhielt ich mich mit einem Bauern.Wir standen am kahlgefrästen Waldrand und ich wies ihn darauf hin, dass seine Fichten jetzt noch mehr vertrocknen, weil die schützenden Randbäume entfernt wurden. Darauf sagte er „Hauptsache mein Spiegel wird nicht mehr verkratzt“. Noch Fragen?

  • Kerstin Mohaupt

    Die Gedanken in dem Beitrag sprechen mir aus dem Herzen. Auch wir mähen seit einigen Jahren in unserem Garten nur noch Wege und kleine Plätze, damit unser altersschwache Hund wenigstens etwas das Gras genießen kann. Der Rest der Wiese darf sich frei entfalten und allerhöchstens im Spätherbst werden die Bäume und Sträucher noch freigemäht und der Schnitt für diese zum Mulchen verwendet. Mit Erstaunen stellen wir fest, wie sich die zusammensetzung der Wiesenpflanzen ändert. Wieviele verschiedene Gräsersorten nach und nach wachsen und was da alles so blüht. Manchmal helfe ich noch etwas nach mit Kornblumen und ähnlichem.
    Die meisten unserer Nachbarn sind skeptisch. Doch bis jetzt kamen zum Glück nur “ spitze Bemerkungen“ . Einige unserer Freunde und Bekannte beginnen jetzt aber auch, Teile ihrer Wiese stehen zu lassen und nicht jedes Wochenende wie die Wilden mit dem Rasenmäher loszuziehen. Eine kleine Freude für uns.

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